Was bedeuten die Begriffe Rocker, Camber, Flex und effektive Kantenlänge bei Ski genau? Welchen Einfluss hat deren Ausprägung auf das Fahrverhalten der Ski? Alles zu Formen, Bauweise und Geometrie bei Ski.

Was sind Rocker-Ski?

Früher dachte man bei dem Begriff „Rocker“ zuerst an eine Person mit einer Vorliebe für eine bestimmte Musikrichtung und einen speziellen Lebensstil. Inzwischen hat die Skiindustrie das Ihrige dazu getan, dies zu ändern.

Ein Rocker ist eine Bauweise und geometrische Form bei Skiern. Letztlich handelt es sich um die Aufbiegung des Skis nach oben. Der Rocker kann im vorderen Bereich des Skis liegen (Tip-Rocker), im hinteren Bereich (Tail-Rocker), oder gar über den gesamten Skis verlaufen (Reverse Camber).

Die meisten Hersteller nutzen heute diese Technologie, oft sogar für die gesamte Modellpalette. Ob Freerideski, Freestyle-Ski, Allmountain-Ski, Tourenski oder Race-Ski: der Rocker ist in der Regel überall verbaut. Die ständigen Weiterentwicklungen und Modifizierungen der Rocker-Ski haben dazu geführt, dass er sich mittlerweile wirklich überall gut fahren lässt und für jeden Einsatzbereich möglich, ja sogar sinnvoll, ist.

Doch Rocker ist nicht gleich Rocker. Die Unterschiede im Aufbau und der Geometrie sind immens und wirken sich stark auf die Fahreigenschaften aus. Ein Rocker eines Weltcup-Slalomskis unterscheidet sich deutlich von einem Rocker eines Freerideskis.

Rocker, Camber, Flex – die wichtigsten Begriffe zur Form

Dieser Artikel erläutert die unterschiedlichen Begrifflichkeiten rund um die Ski-Geometrie und zeigt, welche Rocker-Formen es gibt und wie diese die Fahreigenschaften beeinflussen. Um die verschiedenen Rocker-Technologien zu verstehen, ist es wichtig, einige Begriffe rund um die Bauweise eines Skis zu kennen. Die beschriebenen Elemente beeinflussen sich in ihrer Wirkung gegenseitig und sind deshalb als Gesamtheit zu betrachten. Viele Begriffe im Bereich der Ski-Bauweise bedeuten letztendlich das gleiche. Ich beschränke mich hier daher auf die am häufigsten verwendeten.

Was ist ein Rocker bei Ski?

Bild 1: Kurzer Rocker (Ski: Salomon Rocker2).
Bild 1: Kurzer Rocker (Ski: Salomon Rocker2).

Ein Rocker ist ganz banal gesagt eine Aufbiegung des Skis nach oben. Er kann im vorderen Bereich des Skis liegen (Tip-Rocker), im hinteren Bereich (Tail-Rocker), oder gar über den gesamten Skis verlaufen (Reverse Camber).

Die Ausprägungen des Rockers sind ganz unterschiedlich, sowohl was die Höhe, als auch was die Länge betrifft. So kann ein Tip-Rocker zum Beispiel direkt vor der Vorderbacke der Skibindung beginnen und sich über den kompletten vorderen Teil des Skis erstrecken (Bild 2), oder er beginnt erst relativ kurz vor der Schaufel (Bild 1). Dies hängt ganz von der Philosophie des Herstellers und dem gewünschten Einsatzbereich ab.

Camber – was ist die Vorspannung bei Skiern?

Bild 6 und 5: Flat (links) und Reverse Camber (rechts).
Bild 6 und 5: Flat (links) und Reverse Camber (rechts).

Im deutschen Sprachgebrauch nennt man Camber auch Vorspannung. Eine traditionelle Vorspannung lässt den Ski in der Mitte von der Oberfläche abheben, sofern er auf dem Untergrund aufliegt. Es handelt sich dabei also um die Wölbung des Skis. Die höchste Stelle liegt in der Regel unter dem Montagepunkt, also unter der Schuhmitte. Die Vorspannung soll dazu dienen, den Druck effektiv auf die Schaufel und das Skiende zu verteilen, und kann ganz unterschiedlich stark ausgeprägt sein (Bild 3 und 4).

Einige Freerideski besitzen eine negative Vorspannung (Reverse Camber). Hier liegt der Ski lediglich in einem sehr kurzen Bereich unter der Schuhmitte auf dem Untergrund auf und biegt sich zum Skiende und zur Skispitze nach oben (Bild 5).

Zu guter Letzt gibt es auch Ski ohne jegliche Vorspannung (Flat Camber). Die Ski liegen in einem größeren Bereich flach unter dem Fuß auf und wölben sich erst weiter vorne und hinten nach oben (Bild 6).

Was ist die effektive Kantenlänge/Biegelinie bei Skiern?

Die Stahlkante bei einem Ski geht in der Regel von der Schaufel bis zum Skiende. Durch die Bauweise des Skis greift bei einem gefahrenen Schwung nicht die gesamte Kante in den Schnee, sondern nur ein gewisser Teil der Kante, die sogenannte effektive Kantenlänge. Diese ist neben der Bauweise auch abhängig von der Belastung und der daraus resultierenden Durchbiegung des Skis und daher immer variabel. Eine unter Belastung entstehende Durchbiegung des Skis nennt man Biegelinie.

Biegelinie/effektive Kantenlänge. | Abbildung: Swen Kunert
Biegelinie/effektive Kantenlänge. | Abbildung: Swen Kunert

Die Biegelinie, und damit auch die effektive Kantenlänge, beeinflusst die Eigenschaften des Skis in Bezug auf das Steuerverhalten gravierend. Ist die effektive Kantenlänge groß, so erhält der Ski bei hohen Geschwindigkeiten mehr Laufruhe und einen höheren Kantengriff. Dafür ist der Ski weniger drehfreudig als bei einer kurzen effektiven Kantenlänge.

Was ist der Ski-Flex?

Der Flex eines Skis beschreibt die Härte bezüglich des gesamten Biegeverhaltens entlang der Längsachse des Skis, also nach oben und unten. Er ist nicht zu verwechseln mit der Torsion. Diese bezieht sich auf die Verwindung der Querachse. Der Flex wirkt sich auf den Kantengriff und die Durchbiegung des taillierten Skis aus, also folglich auch auf den Radius.

Ein Ski mit weichem Flex kann leichter durchgebogen werden und somit den Radius leichter verringern als ein Ski mit hartem Flex und derselben Taillierung. Ein harter Flex sorgt dagegen bei gleicher Belastung für einen höheren Kantengriff auf hartem Untergrund als ein weicher Flex.

Anmerkung: Der Flex kann auch innerhalb eines Skis variieren. Ein Ski kann zum Beispiel im Schaufelbereich weicher und im Bereich des Skiendes härter sein. Die oben genannten Konsequenzen der Flexhärte wirken sich dann auf den jeweiligen Teilbereich des Skis aus.

Bauweisen: Welcher Rocker passt zu mir?

Bevor ich die unterschiedlichen Bauweisen beschreibe, möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass nicht nur der Rocker einen Einfluss auf die Fahreigenschaften hat. Die komplette Bauweise eines Skis, die verschiedenen Flexhärten und die Ausprägungen der traditionellen Vorspannung ergeben völlig unterschiedliche Fahreigenschaften. Jedoch lässt sich ganz allgemein Folgendes sagen:

  • Je größer die herkömmliche Vorspannung (und der Flex!), desto stärker kann der Kantendruck erfolgen.
  • Je geringer die herkömmliche Vorspannung (und der Flex!), desto drehfreudiger ist der Ski.
  • Je länger der Rocker, desto größer ist der Auftrieb des Skis.

Die folgenden Kategorien sollen einen Überblick über die verschiedenen Bauformen geben, die daraus entstehenden Fahreigenschaften und die angestrebten Einsatzbereiche.

1. Herkömmlicher Camber ohne Rocker

Diese Bauweise ist die sogenannte traditionelle Skiform. Man spricht auch von Full-Camber oder Classic-Camber. Der Ski besitzt eine durchgehende herkömmliche Vorspannung von der Skispitze hin zum Skiende (Abb. 13).

  • Fahreigenschaften: Die effektive Kantenlänge und die Laufruhe sind bereits bei Geradeausfahrt und geringen Kurvenlagen sehr groß. Der Ski verfügt über einen hoher Schaufeldruck und eine gute Führung. Daher ist ein hoher Kantengriff möglich, während die Drehfreudigkeit abnimmt. Der Ski greift über die gesamte Fläche. Der Auftrieb des Skis ist geringer.
  • Einsatzbereich: Vor allem für die Piste und harten bis eisigen Schnee. Auch bei einigen Park- und Pipeski noch zu finden.

2. Camber mit Rocker

Diese Bauweise ist heutzutage sicherlich die am häufigsten verwendete Skiform. Es wird hierbei zwischen zwei Varianten unterschieden, dem Tip-Rocker (Abb. 14) und dem Tip & Tail-Rocker (auf Grund des Aussehens oft auch Mustache-Rocker genannt, Abb. 15). In beiden Fällen besitzt der Ski eine herkömmliche Vorspannung unter dem Fuß, die jedoch bereits vor der Skispitze (Tip-Rocker) bzw. vor der Skispitze und dem Skiende (Tip & Tail-Rocker) endet.

  • Fahreigenschaften: Die effektive Kantenlänge nimmt ab, ist jedoch im Bereich des Rockers variabel. Der Ski wird daher drehfreudiger und lässt sich beim Kurvenfahren leichter auf die neue Kante bewegen. Der Kantengriff nimmt durch die geringere Länge ab. Daher verzeiht der Ski auch Fehler. Der Rocker sorgt für mehr Auftrieb in weichem Schnee. Die vorhandene Vorspannung in der Mitte unterstützt jedoch eine gute Führung.
  • Einsatzbereich: Vor allem bei Allroundski und Freerideski. Der Rocker sorgt für mächtigen Auftrieb im tiefen und weichen Schnee. Allerdings wird dieser Aufbau von einigen Herstellern bereits über die gesamte Produktpalette angewandt und ist folglich bei allen Skikategorien zu finden. Selbst bei vielen Raceski ist ein Tip-Rocker verbaut.

3. Ohne Camber mit Rocker

Bei dieser Bauweise wird auf eine herkömmliche Vorspannung verzichtet. Daher ist auch oft von einem Flat-Camber oder Zero-Camber die Rede. Der Ski liegt unter der Bindung völlig flach auf und erst der Rocker lässt ihn vor der Schaufel und dem Skiende nach oben anheben (Abb. 16).

  • Fahreigenschaften: Der Ski lässt sich leicht drehen und der Kantengriff ist im Vergleich zu einem Camber-Ski geringer. Dadurch ist diese Bauweise auch fehlerverzeihender. Die Führung und Unterstützung nimmt ab. Die Ski haben sehr gute Auftriebseigenschaften.
  • Einsatzbereich: Vor allem für weichen und tiefen Schnee. Ein solcher Shape ist auch perfekt für das so genannte Backcountry-Freestyle.

4. Reverse Camber

Abb. 17: Reverse Camber. | Abbildung: Swen Kunert
Abb. 17: Reverse Camber. | Abbildung: Swen Kunert

Hier ist die Vorspannung, also die Wölbung des Skis, genau in die entgegengesetzte Richtung ausgeprägt. So liegt der Ski nur unter der Schuhmitte auf dem Untergrund auf und wölbt sich in Richtung der Skienden nach oben. Man findet bei dieser Bauweise auch oft die Begriffe Full-Rocker oder negative Vorspannung (Abb. 17).

  • Fahreigenschaften: Die Kantenlänge unter der Bindung ist minimal, jedoch immer noch variabel. Dies lässt die Trägheit breiter Ski leichter überwinden. Durch eine harmonische Biegelinie kann die Kantenlänge vergrößert werden. Sehr gute Auftriebseigenschaften.
  • Einsatzbereich: Vor allem für weichen und tiefen Schnee und für reine Freeride-Einsätze.

Wie lang muss ein Rocker-Ski sein?

Die gewählte Skilänge ist auch bei Rocker-Ski stark vom gewünschten Einsatzbereich abhängig, und somit auch von der Bauart des Skis. Ein agiler und schmaler Slalomcarver sollte zum Beispiel irgendwo zwischen 155 und 170 Zentimetern liegen, während ein dicker Freerideski auch gerne mal bis zu 200 Zentimeter lang sein darf. Natürlich orientiert sich die Skilänge auch an der eigenen Körpergröße. Die Länge des Rockers wirkt sich, wie oben beschrieben, auch auf die Drehfreudigkeit des Skis aus. Somit kann ein 200 Zentimeter langer Ski mit einem langen Rocker trotzdem sehr leicht und schnell in die andere Richtung bewegt werden.

Kleiner Abriss über die Entwicklung des Rockers

Bild 8: Sehr ausgeprägter Rocker (Ski: K2 Pontoon).
Bild 8: Sehr ausgeprägter Rocker (Ski: K2 Pontoon).

Auch wenn der Rocker im Skibau erst in den letzten Jahren den völligen Durchbruch erlangt hat, so gibt es ihn doch schon seit vielen Jahren. Im Grunde genommen sogar seit der Entstehung der ersten Ski. Die heute als traditionelle Geometrie bezeichnete Form mit einer sogenannten herkömmlichen Vorspannung kam erst später.

Schaut man sich die ersten Rocker-Ski einmal an (zum Beispiel den ersten K2 Pontoon), so erkennt man deutlich, dass der Rocker sehr stark nach oben ausgeprägt war (Bild 8). Dies wirkte sich zwar positiv auf den Auftrieb aus, doch war ein solcher Ski in tiefem Schnee auch sehr langsam. Grund war der aus der Aufbiegung resultierende große Schneewiderstand. Somit konnten die ersten Rocker-Ski keine optimale Biegelinie erzeugen. Der Rockerbereich flatterte eher unruhig in der Luft herum und die effektive Kantenlänge war auch bei Belastung sehr gering.

Schließlich brachte unter anderem Dynastar mit dem ersten Big Dump einen Rocker-Ski auf den Markt, bei dem der Rocker im Schaufelbereich nicht ganz so weit nach oben ragte und der Flex in diesem Bereich um einiges härter war (Bild 9). Dies führte automatisch zu einem ruhigeren Fahrverhalten des Skis.

Vor allem K2 war bei der Rocker-Technologie sehr innovativ und entwickelte mit dem Side Seth einen Ski, dessen Rocker zwar sehr lang war (er begann direkt vor der Bindung), aber der dank seiner Bauweise eine sehr harmonische Biegelinie aufweisen konnte (Bild 10). Der komplette Rockerbereich ließ sich unter Belastung aufkanten. Dadurch wurde die effektive Kantenlänge erhöht und der Ski viel ruhiger. Mit dem Hoji ist es zum Beispiel 4FRNT bestens gelungen, einen Ski zu entwickeln, der trotz einer negativen Vorspannung sehr gut auf hartem Untergrund zurechtkommt. Dies ist dadurch möglich, dass auch hier die Biegelinie optimal funktioniert und der Ski fast über die gesamte Länge arbeitet (Bild 11).

Das sind nur einige von vielen Beispielen, die die Entwicklung und Optimierung der Rocker-Technologie gut illustrieren. Heutzutage haben es fast alle Skihersteller geschafft, einen Rocker-Ski zu konzipieren, der in jedem Gelände zurechtkommt. Bei allen Unterschieden ist das Wichtigste, dass der Ski über seine gesamte Länge harmonisch spürbar ist, und dabei eine funktional optimale Biegelinie erreicht wird.

Zusammenfassung und Fazit

Die Rocker-Technologie hat sich vollkommen durchgesetzt. Es gibt heutzutage Ski, die in jedem Gelände sehr gut zu fahren sind. Aber sicherlich gibt es nicht den einen einzigen Ski, der in wirklich jeder Situation optimal ist. Und genau aus diesem Grund werden für besondere Einsatzbereiche auch verschiedene Bauweisen gewählt.

Die unterschiedlichen Rocker-Technologien ergeben sowohl Vor- als auch Nachteile in verschiedenen Situationen und Anwendungsbereichen. Generell lässt sich aber jeder Ski mehr oder weniger überall fahren. In einigen Fällen kann es sogar sein, dass zum Beispiel ein wirklich ausgereifter Ski mit Reverse Camber um einiges besser zu fahren ist als ein weniger hochwertiger Ski mit traditioneller Vorspannung. Überall. Selbst auf hartem Untergrund! Daher würde ich niemals sagen, dass ein Ski ohne Vorspannung nicht auf der Piste zu fahren sei. Ich selbst kenne Ski, die dank ihrer einzigartigen Bauweise, einer sehr durchdachten Biegelinie und des gesamten Shapes auch ohne Camber (oder sogar mit einem Reverse-Camber) einen sehr guten Kantengriff auf hartem Schnee erlangen können und trotzdem alle Vorteile bei weichen Bedingungen besitzen.

Ich hoffe, mit diesem Überblick einen kleinen Einblick gegeben zu haben, welche Geometrieformen die größten Vorteile für bestimmte Einsatzbereiche mit sich bringen. Und wenn bei einem Schwung mal etwas nicht ganz so klappt, so kann man es zur Not immer noch aufs Material schieben. In diesem Sinne, viel Spaß im Schnee. Das passende Skiset dazu findest du bei Bergzeit:

Mehr Ski-Wissen im Bergzeit Magazin

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