Der erste Teil der sogenannten "Spaghettirunde" führt vom Kleinen Matterhorn auf das Breithorn und weiter über Pollux und Castor zum Rifugio Quintino Sella. Bergzeit Magazin-Autor Chris Stoll berichtet von einem großartigen Auftakt einer großartigen Viertausender-Überschreitung.

„Zum ersten Mal in Zermatt und dann sieht man nicht einmal was!“ Eben noch schaukelten wir verärgert durch die dichte Wolkenwand, da verlassen wir urplötzlich das einheitliche Grau und das Matterhorn türmt sich imposant vor uns auf. Was für ein Anblick!

Unsere Tour führt uns zwar nicht auf das „Hörnli“ aber ins Monte-Rosa-Massiv, das seine Beliebtheit und Bekanntheit nicht nur der Nähe zum schweizerischen Berg-Aushängeschild zu verdanken hat. Zahlreiche nah beieinanderliegende Viertausender, gut gelegene Schutzhütten und atemberaubende Panoramen – das zeichnet die sogenannte „Spaghettirunde“ aus, eine in den Alpen einzigartige Hochtourenroute, auf der mehrere hochalpine Bergdomizile in Italien besucht werden – daher das „Spaghetti“ im Namen.

Was für ein Auftakt für die Spaghettirunde: Blick vom Mittel- zum Westgipfel des Breithorns. | Foto: Chris Stoll
Was für ein Auftakt für die Spaghettirunde: Blick vom Mittel- zum Westgipfel des Breithorns. | Foto: Chris Stoll

82 Alpengipfel überragen laut UIAA die 4.000er-Marke. Davon befinden sich allein 41 in den Walliser Alpen – das kann man sogar auf dem 20 Schweizer Franken Schein bewundern! Auf der Spaghettirunde kommt man – je nach Zählweise und Routenführung – auf knapp zehn Viertausender-Gipfel, davon drei auf dem hier beschrieben ersten Teil.

Die Kletterei am Ostgipfel des Breithorn ist zum Teil ordentlich ausgesetzt. | Foto: Chris Stoll
Die Kletterei am Ostgipfel des Breithorn ist zum Teil ordentlich ausgesetzt. | Foto: Chris Stoll

Vom Trockenen Steg Richtung Klein Matterhorn

Am Trockenen Steg angekommen, machen wir uns auf in Richtung Klein Matterhorn. Der Weg führt ständig durch das Zermatter Skigebiet und ist nicht unbedingt schön – Pistengelände eben. Die Gehzeit beträgt etwa drei bis vier Stunden. Wer frühmorgens startet, kann die Distanz zwischen Zermatt und Lodge ausgiebig zur Akklimatisierung nutzen. Nach einem kurzweiligen Abstecher auf die wolkenverhangene Gipfelplattform genießen wir dafür beim Abendessen den Blick auf den berühmten großen Bruder.

Die Unterkunft ist schön und sehr modern. Die Essportionen sind ausreichend groß und der Ausblick aufs Matterhorn macht sofort Lust auf mehr. Lediglich die Schweizer Preise sind für Ostalpenbergsteiger etwas gewöhnungsbedürftig – sie liegen bei  80 Schweizer Franken (Übernachtung mit Frühstück) und ca. 20 Franken für das Abendessen. Wer möchte, kann aber sein eigenes Essen mitbringen und in einer kleinen Kochnische zubereiten.

Überschreitung des Breithorns

Pünktlich zum Sonnenaufgang erreichen wir den Breithornkamm zwischen West- und Mittelgipfel. Der Gipfelaufschwung wird in der Führerliteratur normalerweise als wenig schwierig (WS) bewertet. Die starken, spontanen Böen lassen den überraschend schmalen Firngrat jedoch recht anspruchsvoll werden. Aufgrund der Eiseskälte fällt unser Gipfelmoment sehr kurz aus. Wir haben ohnehin einen straffen Zeitplan und machen uns auf den Weg zum Mittelgipfel. Der Sonnenaufgang auf 4.000 Meter Höhe mit dieser Aussicht bleibt trotz des kurzen Aufenthalts unvergesslich.

In der Regel wird die Überschreitung des Breithorns von Ost nach West angegangen. Dabei überwindet man am östlichen Breithornzwilling schöne Felspassagen und spannende Abseilstellen in luftigem Gelände, bevor es über Fels- und Firngrate gen Westen geht. Vor Ort entscheiden wir uns aufgrund des Wetters für die entgegengesetzte Richtung, auch um Zeit zu sparen und Castor und Pollux zusammen in dieser Etappe bewältigen zu können.

Sonnenaufgang am Westgipfel des Breithorns. | Foto: Chris Stoll
Sonnenaufgang am Westgipfel des Breithorns. | Foto: Chris Stoll

West- und Mittelgipfel des Breithorns sind relativ schnell und unkompliziert erreicht. Wenige Meter weiter wird es anspruchsvoll. Beeindruckend steil fällt der von Felsspitzen durchzogene Firngrat nach beiden Seiten hunderte Meter ab. Bald erreichen wir ein Couloir – und entscheiden uns umzukehren. Aufgrund der nur schwer abzusichernden Stelle und des brüchigen Geländes wollen wir am ersten Tag kein zusätzliches Risiko eingehen und lassen keine kostbare Zeit verstreichen. Wir steigen hinab aufs Breithornplateau und queren dieses bis zum Fuß des Pollux.

4000er Zwillinge: Pollux und Castor

Pollux und Castor sind Zwillinge – und könnten doch nicht unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite der von Felskletterei geprägte Pollux mit gut abgesicherten Kletterstellen bis in den III. Grad, auf der anderen der Schnee- und Eiskoloss Castor mit einer steil ansteigenden Flanke und einem erheblichen Bergschrund kurz vor dem Ausstieg zum recht ausgesetzten und trotzdem traumhaften Gipfelgrat.

Der Steilaufschwung am Castor rückt näher. | Foto: Chris Stoll
Der Steilaufschwung am Castor rückt näher. | Foto: Chris Stoll

Bis wir schließlich das Felikhorn erreichen, müssen wir hochkonzentriert bleiben. Nach einem nicht enden wollenden Abstieg zum Rifugio Quintino Sella fällt die Anspannung ab und schlägt in Erschöpfung um.

Die Quintino Sella ist ein rustikales Bergdomizil: Der Toilettengang fällt hier recht kühl aus –  dafür muss man in ein separates Hüttchen. Eiskaltes Wasser, keine Duschen, dafür die guten alten Stehklos. Eine Hütte für echte Bergsteiger also!

Ausblick auf Teil II der Spaghettirunde

Auf dem zweiten Teil der Spaghettirunde queren wir über den Lysgletscher Richtung Capanna Gnifetti und überqueren mehrere Monte-Rosa-Gipfel, ehe auf der Signalkuppe der „höchste Balkon Europas“, die Capanna Margherita, erreicht wird.

Hier geht es zur kompletten Hochtouren-Ausrüstung bei Bergzeit:

Alle Infos zu Teil I der Spaghettirunde

  • Gipfel: Breithorn (Hauptgipfel 4.165 Meter), Pollux (4.091 Meter), Castor (4.221 Meter) und Felikhorn (4.093 Meter – lediglich eine kleine Kuppe östlich des Felikjochs)
  • Schwierigkeiten: max. 45° im Eis / ZS- am Aufstieg zum Castor; sonst bis WS+ (IIIer-Stelle am Pollux)
  • Gehzeiten: Bergstation Trockener Steg – Kleines Matterhorn: ca. vier Stunden; Kleines Matterhorn – Rifugio Quintino Sella: ca. 10-12 Stunden
  • Website der Gornergratbahn: gornergratbahn.ch
  • Website der Seilbahn auf das Kleine Matterhorn: zermatt.ch/Bahnen-Pisten
  • Website des Rifugio Quintino Sella: rifugioquintinosella.com
  • Preise (Stand: Sommer 2017): Gondel Zermatt – Trockener Steg 48 CHF p.P.; ÜF Lodge Klein Matterhorn ÜF 80 CHF + Abendessesn ca. 20 CHF (Frühstück wird am Vorabend angerichtet); ÜHP Rifugio Quintino Sella 70 € (Dusche warm 4€/3 min); Frühstück ab 4:30 Uhr

ACHTUNG: Aufgrund der sich ständig veränderden Gletscherverhältnisse stellt das Bergzeit Magazin für diese Tour keinen GPS-Track zur Verfügung! Zudem sollte die Runde nur von gut ausgestatteten, trainierten Bergsteigern in Angriff genommen und im Zweifel ein Bergführer hinzugezogen werden.

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