Kompakter, griffiger Fels, kurzer Zustieg, gute Absicherung sowie eine atemberaubende Sicht auf den Chiemsee und die Hohen Tauern – die Überschreitung der Kampenwand in den Chiemgauer Alpen begeistert vor allem Genusskletterer.

„I gang so gern auf’d Kampenwand, wann i mit meiner Wampen kannt“, lautet das wohl berühmteste Sprichwort über die Kampenwand. Zum Glück gibt es für „Gwamperte“ (bayerisch für Menschen mit gepflegtem Bauch) und Kletterer mit schwerem Rucksack eine einfache Möglichkeit, die rund 800 Höhenmeter vom Parkplatz in Aschau bis auf das Plateau der Kampenwand zu überwinden: die Seilbahn.

Wer sich an die elf Seillängen der Kampenwand-Überschreitung macht, ist weit oberhalb der üblichen Massen von Wanderern unterwegs. | Foto: Franz Güntner
Wer sich an die elf Seillängen der Kampenwand-Überschreitung macht, ist weit oberhalb der üblichen Massen von Wanderern unterwegs. | Foto: Franz Güntner

Viel verpasst man auf dem Weg ohnehin nicht: Wirklich aussichtsreich wird es erst oben. Dort erheben sich Türme und Wände aus Stein wie felsige Schuppen aus einem Latschengürtel. Unterhalb dieser grauen Welt liegen Almwiesen, weiden Kühe, gibt es zahlreiche Hütten – und Wanderer, viele Wanderer. Aber keine Sorge: Wer sich an die elf Seillängen der Kampenwand-Überschreitung macht, hat mit den Massen tief unterhalb nicht viel zu tun.

Der Einstieg

Der Einstieg ist schnell gefunden: Kurz vor dem Staffelstein, einem Felsturm links des Wegs, führt eine Forststraße hinauf zur Kampenwandhütte, von dort sieht man links bereits einen kleinen Pfad über die Almwiesen verlaufen. An der ersten Abzweigung hält man sich links, bis man vor der Wand steht.
Dort heißt es Anseilen. Der Einstieg in die Tour führt über eine kleine, gerade aufsteigende Rinne. Gleich nach den ersten Metern steht man vor einer kurzen, aber spiegelglatten Platte. Hochkommen: schwierig. Am besten, man klippt den Bohrhaken rechts, und hängt in den Schlaghaken links eine Bandschlinge, die man als künstliche Steighilfe verwendet.

Auf dem Grat

Die Verschneidung ist die leichte Aufstiegsvariante auf den Gmelchturm (3+). | Foto: Franz Güntner
Die Verschneidung ist die leichte Aufstiegsvariante auf den Gmelchturm (3+). | Foto: Franz Güntner

Danach geht es in 2er-Gelände hinauf auf den Grat – und den ersten Gipfel. Erfahrene Kletterer binden sich hier aus und gehen die nächsten Seillängen bis zum Gmelchturm frei. Wer möchte, kann auch am kurzen Seil gehen: Es finden sich immer wieder Latschen und kleine Felsköpfe entlang der Route, über die man das Seil legen oder eine Zwischensicherung anbringen kann. Die Orientierung auf dem Grat ist in der Regel sehr einfach: Die Kampenwand-Überschreitung wird gerne im Winter begangen und die Kratzspuren der Steigeisen sieht man am Fels.

Am Gmelchturm bieten sich zwei Aufstiegsmöglichkeiten. Anfänger suchen sich am besten die linke Variante aus, eine zehn Meter hohe Verschneidung in der Schwierigkeit 3+. Versierte Kletterer können die rechte Route wählen, eine kurze 6-. Auf der anderen Seite des filigranen Turms seilt man sich ab. Wer auf die Besteigung des Gmelchturms verzichten möchte, kann auf einem schmalen Pfad gleich weiter Richtung Teufelsturm gehen.

Zwischendurch sollte man sich immer wieder die Zeit nehmen, die grandiose Aussicht zu genießen: Links unterhalb sieht man den Chiemsee, das „Bayerische Meer“ mit seinen unzähligen Segelbooten. Der Blick reicht weiter übers Flachland bis zum Horizont. Rechts beeindrucken Felsmassive wie der Wilde Kaiser, die Hohen Tauern und das Steinerne Meer.

Die Schlüsselstelle der Überschreitung

Am Westturm geht der Gratweg erst richtig los. | Foto: Franz Güntner
Am Westturm geht der Gratweg erst richtig los. | Foto: Franz Güntner

Danach geht es in einer Seillänge auf den Teufelsturm. Kletterer seilen danach am besten auf den links liegenden Pfad ab. Es folgt eine zweite, rund zehn Meter lange Abseilpartie in eine steile Rinne. Hier kann man die Tour zur Not auch abbrechen, falls die nachfolgende Crux wider Erwarten zu schwer ist oder ein Unwetter aufzieht. Wer weiter klettern möchte, steht jetzt vor der Schlüsselseillänge: eine rund 20 Meter hohe und steile Verschneidung in der UIAA-Schwierigkeit 4+, die mit drei Bohrhaken abgesichert ist. Vorsicht: Nach starken Regenfällen bleibt der Riss auch im Sommer mindestens noch einen Tag lang nass.

Am Ende der Verschneidung wird das Terrain flacher; wer möchte, kann mit Friends oder Keilen Zwischensicherungen anbringen. Auf einem schmalen und kurzen Grat erreicht man den 1.669 Meter hohen Hauptgipfel, das Ende des Kamms. Ein Gipfelkreuz findet man auf dem höchsten der Kampenwand-Türme allerdings nicht, das steht auf dem (nur wenige Meter niedrigeren) Ostgipfel.

Der Abstieg

Ganz zu Ende ist die Tour hier noch nicht, es steht noch ein kurzer, relativ schwieriger Abstieg bevor. Danach erreicht man einen schmalen Pfad, der durch Latschen und über Wiesen zurück zum Hauptweg führt. Über diesen geht es zurück zur Bergstation der Kampenwand-Seilbahn. Wer am Ende noch seine Beine trainieren möchte, steigt über Wiesen, Pfade und Forststraßen hinab nach Aschau – alle anderen nehmen die Bahn.

Tourdaten zur Kampenwand-Überschreitung

Die Überschreitung der Kampenwand ist technisch unschwierig und gut abgesichert - ideal für Genusskletterer. | Foto: Franz Güntner
Die Überschreitung der Kampenwand ist technisch unschwierig und gut abgesichert – ideal für Genusskletterer. | Foto: Franz Güntner
  • Charakter der Tour: Technisch unschwierige Grat-Tour, welche an den Kletterpassagen gut mit Bohrhaken abgesichert ist. Der alpine Charakter der Route bleibt aber erhalten: Im IIer-Gelände findet man kaum Haken (allerdings bietet der kompakte Fels gute Plätze für Friends und Schlingen). Die Crux liegt auf dem Weg zum Hauptgipfel (1.669 Meter): Hier muss eine rund 20 Meter lange und steile Verschneidung überwunden werden. Alle drei bis vier Meter finden sich dazu Bohrhaken, insgesamt drei. Der Riss bleibt nach starken Regenfällen mindestens einen Tag lang nass. Es besteht eine Fluchtmöglichkeit durch eine steile Rinne vor der Seillänge.
  • Schwierigkeit: meist 2-3, 4+ obligatorisch
  • Anfahrt: Mit dem Auto von München kommend über A8, Ausfahrt Frasdorf. Dann immer weiter bis Aschau und zum Parkplatz der Kampenwand-Seilbahn (Parkgebühr zwei Euro). Mit dem Zug von München Richtung Salzburg, in Prien am Chiemsee umsteigen in die Regionalbahn Richtung Aschau (Chiemgau). Von dort sind es rund zwei Kilometer zu Fuß zur Kampenwandbahn.
  • Länge: Aufstieg zu Fuß von Aschau zum Einstieg nahe der Kampenwandhütte: ca. 2,5 Stunden / Aufstieg mit Unterstützung der Seilbahn (14,50 Euro für Erwachsene in der Hauptsaison): ca. 15 Minuten / Abstieg vom Ausstieg bis zur Bergstation Kampenwand: rund 45 Minuten / Abstieg von der Bergstation bis zum Parkplatz: 1,5 Stunden
  • Höhenmeter: Parkplatz (606 Meter) – Einstieg (rund 1.500 Meter): 900 Höhenmeter / Höhenmeter entlang des Grats: 120
  • Ausrüstung: 1 x 60 Meter langes Einfachseil, 7 Expresschlingen, Kletterausrüstung; wer auf Nummer sicher gehen will, packt ein paar mittelgroße Friends und Schlingen ein.
  • Beste Zeit: Die Kampenwand-Überschreitung kann ganzjährig begangen werden, die besten Bedingungen finden Alpinkletternovizen von Mai bis Oktober.
  • Einkehrmöglichkeiten: Sonnenalm, Steinlingalm
  • Karte/Führer: DAV-Karte BY 17, Chiemgauer Alpen West, Hochries, Geigelstein; Kletterführer: Bayerische Alpen Bd. 1 (Panico)
  • Download: GPS-Track Kampenwand-Überschreitung (per Rechtsklick + Ziel/Link speichern unter)
  • Du brauchst für Deine Tour noch neue Kletterausrüstung? 

Karte mit GPS-Daten

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Vom Chiemsee bis zu den Berchtesgadener Alpen: Panorama mit Blick auf den Ostgipfel der Kampenwand (großes Gipfelkreuz). | Foto: Franz Güntner
Vom Chiemsee bis zu den Berchtesgadener Alpen: Panorama mit Blick auf den Ostgipfel der Kampenwand (großes Gipfelkreuz). | Foto: Franz Güntner

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