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Im Angesicht des "Weißen Berges"

Tour du Mont Blanc: Rund um Europas König der Berge

11 Minuten Lesezeit
In einer Woche rund um das Mont-Blanc-Massiv: Der alpine Höhenweg Tour du Mont Blanc bietet unterschiedliche, spektakuläre Perspektiven auf den "Weißen Berg" aus den angrenzenden drei Ländern. Jan Kozlowski berichtet.

Einen Abend in Frankreich mit Baguette, Roquefort und Merlot. Als nächstes eine Pizza Margherita und ein Gläschen Primitivo in Italien. Zwei Abende später: Schweizer Käsefondue und… nun ja, Wasser – denn Alkohol ist dort teuer. Nebenbei noch über 170 Kilometer und mehr als 11.000 Höhenmeter zurücklegen. Die Belohnung: Eine Aussicht auf den europäischen König der Berge – aus jedem der drei Länder!

Ob eine zehntägige Genuss-Wanderung mit Hüttenübernachtung oder ein sechstägiger Fastpacking-Trip: Auf der Tour du Mont Blanc – oder wie die Italiener sagen: Giro del Monte Bianco – kommt jeder auf seine Kosten.

Start in Frankreich: Schweißtreibendes Auf und Ab

Chamonix, Frankreich: Knapp 10.000 Einwohner, Hotels in der Stadt und Zeltplätze im Nachbarort Les Bossons. Eine Information für Touristen, die eine grobe Karte der Rundwanderung Tour du Mont Blanc bereithält – ein ideales Basislager für den Trip. Ich nehme den Bus um 7.19 Uhr nach Les Houches, dem „üblichen“ Start. Keine drei Stunden und 600 schweißtreibende Höhenmeter später genieße ich die Aussicht vom ersten Bergpass, dem Col de Voza.

 Kleine Abkürzung gefällig? Mit der Télépérique de Bellevue kann man sich die ersten Höhenmeter sparen. Die ist auch etwas bequemer als dieser Sessellift.| Foto: Jan Kozlowski
Kleine Abkürzung gefällig? Mit der Télépérique de Bellevue kann man sich die ersten Höhenmeter sparen. Die ist auch etwas bequemer als dieser Sessellift.| Foto: Jan Kozlowski

Bergab geht es weiter. Vorbei an gelben Löwenzahnwiesen, durch kleine Dörfer mit Herbergen und Trinkwasserbrunnen. In der 1.000-Seelen-Stadt Les Contamines-Montjoie lohnt es sich, in einem der drei Supermärkte seine Vorräte aufzustocken. Ein Stück Roquefort wird meine Spaghetti heute Abend bereichern. Wer zwischen 12.30 und 15 Uhr erscheint, wird sich über die lange Mittagspause der Franzosen wundern. Der nächste Zeltplatz liegt 45 Minuten hinter der Siedlung.

Ich passiere die Kapelle Notre Dame de la Gorge – früher als Hütte für Reisende, seit 1700 ein Gebetshaus im Barockstil. Danach heißt es Kraft sammeln für den Anstieg: Von 1210 Meter hoch auf 2329 Meter zum Col du Bonhomme. Am Zeltplatz beim Refuge de la Balme zeigt eine Gruppe Franzosen, wie die Tour du Mont Blanc noch zu meistern ist: zwei Packesel stehen neben einem 9-Personen-Zelt.

Der Weg schlängelt sich nun durch Nadelwald, der bald Wiesen mit lila-blauen Fingerhüten und Enzian weicht. Einige jahreszeitbedingte Hindernisse in Form von Schneefeldern gilt es zu überqueren.

Am Pass angekommen stelle ich mich neben die kleine Schutzhütte und blicke erstmals über eine kantige Berglandschaft. Weiße Streifen zieren die grauen Felsen. Eine weitere Stunde über Steine und der Col de la Croix ist erreicht. In der Nähe des Refuges auf 2479 Metern markieren im Halbkreis angeordnete Steine den Platz für Zelte.

Ein Gewitter überrascht mich nachts, eine halbe Sekunde liegt zwischen Blitz und Donner. Das kann vor allem in den Bergen gefährlich werden. Ich beachte die Grundregeln über das Verhalten bei Gewitter und hoffe auf das Beste.

Früh morgens begrüßt mich blauer Himmel. Bergab geht es nach Les Chapieux, einem Drei-Häuser-Dorf. Höhepunkt hier ist hausgemachter Käse und Salami. Ein Denkmal an der Straße erinnert an den erbitterten Widerstand französischer Gebirgsjäger gegen italienische Truppen im Juni 1940 – eine heroische Leistung bei starken Windböen und Temperaturen unter null Grad.

Von dort folge ich dem ebenen Weg zwei Stunden, bis das das Refuge des Mottets in Sicht kommt, schön gelegen am Ende des Tals. Beim Aufstieg zum Col de la Seigne (2516 Meter) kann ich mehrere Murmeltiere beim Sammeln von Heu beobachten. Nachvollziehbar – wer möchte schon auf ein weiches und warmes Nest verzichten?

Durch Italien: Hagelschauer und Pizza Originale

Eine Stunde später blicke ich über den Pass nach Italien: Eine karge Berglandschaft, geschmückt mit weißen Flecken. Das Rifugio Elisabetta ist die erste Unterkunft auf der italienischen Seite. Der Hüttenwart dort teilt mir mit, dass Zelten nicht möglich sei – im Gegensatz zu den im Internet verbreiteten Aussagen. Wer wild campen möchte, sollte vor Ankunft an der Hütte nach geeigneten Plätzen suchen – gemäß den gültigen Regeln (siehe unten).

Kurz bevor ich die Cabane du Cobal erreiche, ereilt mich eine typisch alpine Überraschung: Plötzlich sind Wolken da und der Himmel bewirft mich mit murmelgroßen Eiskugeln. Ich muss auf eine Alternativroute der Tour du Mont Blanc ausweichen. Anstatt über den Col Chécrouit folge ich nun der Straße zum Campingplatz La Sorgente. Hier kann ich für 12 Euro im Dorm-Häuschen trocknen.

 Nach dem Start in der Schweiz führt mich die Tour du Mont Blanc nach Italien. | Foto: Jan Kozlowski
Nach dem Start in der Schweiz führt mich die Tour du Mont Blanc nach Italien. | Foto: Jan Kozlowski

 

Im Dorf Courmayeur fülle ich am nächsten Tag die Sportnahrungauf und freue mich auf eine echte italienische Pizza. Nach einer zweistündigen Erkundungstour erwartet mich bereits der nächste Anstieg. Ich folge dem Zickzack-Kurs durch ein Waldgebiet zum Rifugio Bertone. Nach der auf 2000 Metern gelegenen Herberge beginnt ein angenehmer Höhenweg. Die Sonne brennt, der Schatten ist spärlich gesät. Zwei Liter Flüssigkeit sollten auf jeden Fall im Rucksack sein.

Auf der anderen Seite bieten sich Blicke sowohl auf den Kletter-Berg Dent Du Géant als auch auf den mehrgipfligen Les Grandes Jorasses. Und auf die weiße Spitze Europas, die sich schüchtern hinter einigen Schleierwolken versteckt. Ein Zeltplatz ist schnell gefunden, wenige hundert Meter nach dem Rifiogio Bonatti (2025 m), abseits des Weges. Kurz vor Sonnenuntergang öffne ich die Plane und blicke in den inzwischen wolkenlosen Himmel. Majestätisch thront der Mont Blanc am Horizont.

Am nächsten Morgen erreiche ich eine Stunde nach Aufbruch das Rifugio Elena (2061 m), mit nassen Füßen. Es ist „erst“ Mitte Juni, noch sind nicht alle Brücken für den Sommer installiert. Die Hütte hat ebenfalls noch nicht geöffnet. Der letzte Anstieg im Land von Pizza und Pasta folgt Serpentinen, von 2061 hinauf auf 2537 Meter zum Grand Col Ferret. Eine Herde Steinböcke vergnügt sich wenige Kilometer entfernt zu meiner Rechten.

*Zelten: Generell erlaubt auf über 2500 Metern und designierten Plätzen. Ansonsten gemäß dem Motto „Wo kein Kläger, da kein Richter“ – Kläger sind in der Nähe von Straßen und Siedlungen und in der Hauptsaison häufiger als abseits des Weges außer Sichtweite.

Gemütliche Schweiz: Holzhausdörfer und Fenster zu einer anderen Welt

Nach dem „großen Pass“ betrete ich die Schweiz. Über grüne Wiesen und Schneefelder führt der Abstieg zu La Peule, einem zum Refugio umfunktionierten Bauernhof. Zwei weitere Stunden später, durch Margeritenwiesen und entlang des Flusses Drance de Ferret, erreiche ich La Fouly. Das Dorf hat 80 ständige Einwohner, 100 Chalets, 20 Wohnungen und ein paar Hotels – der Fokus ist leicht zu erraten.

Mein Tausend-Sterne-Hotel zwischen Frankreich un der Schweiz mit Blick auf dem Mont Blanc. | Foto: Jan Kozlowski
Mein Tausend-Sterne-Hotel zwischen Frankreich und der Schweiz mit Blick auf dem Mont Blanc. | Foto: Jan Kozlowski

Das Geräusch von Kuhglocken begleitet mich über einen schmalen Pfad entlang eines Berghangs. Im Vergleich zu den bisherigen Etappen ist diese einfach und eben – bis der Weg nach dem Dorf Praz de Fort (1151 Meter) wieder ansteigt. Die kreativen Schnitzereien des Waldlehrpfades Sentier des Champignons verwandeln die Stunde in ein kurzweiliges Abenteuer. Sind die 300 Höhenmeter überwunden, ist Champex-Lac erreicht, Touristenort und Großbaustelle.

Von hier gibt es zwei Alternativen: Die einfache über Col de la Forclaz und Trient und die spektakuläre über das Fenêtre D’Arpette. Ich wähle die zweite Variante und als Zeltplatz die Wiese hinter dem Relais d’Arpette, 45 Minuten nach dem Camping Rocailles in Champex.

Auf dem Papier beträgt die Höhendifferenz zum Fenêtre „nur“ knapp 1200 Meter. Praktisch verwandelt sich der angenehme Wiesenweg bald in eine Kletterei über Felsen und tückische Schneefelder. Auf dem Weg treffe ich einen Wanderer, der auf der Haute-Route unterwegs ist, von Le Tour nach Zermatt. Einen glücklichen Eindruck macht er nicht, sein 20-Euro-Zelt scheint den alpinen Witterungen nicht gewachsen zu sein.

Drei Stunden mühsamer Aufstieg werden mit einem überragenden Blick sowohl auf das Trient-Tal als auch auf den uralten Trient-Gletscher belohnt. Auf steil bergauf folgt steil bergab, zum Chalet de Glacier.

Den Umweg nach Trient spare ich mir und steige direkt wieder nach oben. Das Refuge Les Grandes bietet mit 17 Euro (oder Franken) vergleichsweise günstig Matratzen an. Ich fülle Wasser auf und folge zwei Stunden einem ebenen Höhenpfad, bis ich das Refuge de Col de Balme erreiche, die Grenze zu Frankreich.

Die Unterkunft hat noch geschlossen, also schlage ich mein Zelt direkt am Grenzstein auf – mit freiem Blick auf die andere Seite des Mont Blancs, dem höchsten Gipfel der Alpen. Das erste Mal seit Italien glitzert er mir wieder entgegen, rötlich von der Abendsonne bestrahlt.

Zurück in Frankreich: Sonntagssportler und langer Abstieg

Entlang einer Seilbahn folgt der Abstieg nach Le Tours, eigentlich ein Ort für Wintersport. Es ist Sonntag, die Sonne scheint und in vier Tagen beginnt der Mont Blanc Marathon. Die Tour du Mont Blanc teile ich also heute mit Rennern, Bikern, Kletterern und Tageswanderern.

Rechts führt ein Pfad nach Tré le Champs, allerdings ohne „Tour du Mont Blanc“-Kennzeichen. Merkmal dieses Ortes sind die in Holzstämme geschnitzten Gesichter, die mitten in der Natur stehen – eine Armee von grimmig dreinschauenden Totempfählen.

Bergauf und bergab geht es zu den Skistationen La Flégère und Planpraz, bevor der letzte Anstieg der Tour du Mont Blanc mich ein letztes Mal auf 2525 Meter bringt: Le Brévent. Am Pass davor posiert eine einheimische Bergziege, am Gipfel hunderte Touristen aus aller Welt – ein Dank der Gondelbahn.

Ein langer Abstieg über 1500 Höhenmeter: Vorbei am Refuge Bellachat auf 2152 Metern mit ausgewiesenen Zeltplätzen, hinunter nach Les Houches. Um 18.30 Uhr erreiche ich das Dorf, kurz danach bringt mich der letzte Bus zurück nach Les Bossons.

Mein Fazit zur Tour du Mont Blanc

Die Tour du Mont Blanc ist ein berühmter Klassiker unter den Fernwanderwegen in Europa – und das nicht zu unrecht. Aufgrund der guten Infrastruktur mit sehr gut ausgezeichneten Wegen und Übernachtungsmöglichkeiten entlang der Strecke bietet die Tour verschiedene Gestaltungsvarianten der Etappen, je nach Ausdauer und Anspruch. Die gesamte Tour geht über schöne Wiesen, schrofffe Kare und zahlreiche Pässe, stets mit unschlagbaren Aus- und Fernblicken, wo auch der Mont Blanc stets seine verschiedenen Gesichter zeigt. Die TMB ist ein Höhenweg, der auf der To-Do-Liste eines jeden ambitionierten Bergsteigers mit Vorliebe zu Fernwanderwegen, aber auch auf der des gemütlichen Hüttenwanderers stehen muss.

Alle Details zur Tour du Mont Blanc

  • Ausgangspunkt: Chamonix-Mont-Blanc
  • Anforderungen & Charakter der Tour: Die einzelnen Etappen liegen zwischen 1.000 und 2.600 Metern, meist aber oberhalb der Baumgrenze. Trittsicherheit, gute Kondition und alpine Erfahrung sind zu empfehlen.
  • Dauer gesamt: Ich selbst bin die Tour als Fast-Trekking gelaufen und war deshalb 6 Tage unterwegs. In der Regel rechnet man mit 7-10 Tagen.
  • Höhenmeter: ca. 10.000
  • Schwierigkeit: moderat, ausgesetzte Passagen sind gut versichert.
  • Länge: ca. 170 Kilometer
  • Etappen & Zeitangaben: Die gute Infrastruktur entlang der Tour ermöglicht eine einfache und individuelle Planung.
    • Tourenplanung für Schnelle (6 Etappen)
      1. Chamonix – Croix de Col du Bonhomme (11,5 Stunden)
      2. Croix de Col du Bonhomme – Camping La Sorgente (10 Stunden)
      3. Camping La Sorgente – Refugio Bonatti (9 Stunden)
      4. Refugio Bonatti – Relaise d’Arpette (12,5 Stunden)
      5. Relaise d’Arpette – Refugio de Col de Balme (9,5 Stunden)
      6. Refugio de Col de Balme – Chamonix (10 Stunden)
    • Tourenplanung für Genießer (11 Etappen)
      1. Les Houches – Col de Tricot – Les Contamines-Montjoie (5,5 Stunden)
      2. Les Contamines-Montjoie – Col du Bonhomme – Col de la Croix du Bonhomme (5-6 Stunden)
      3. Col de la Croix du Bonhomme – Col des Fours – Col de la Seigne – rifguio Elisabetta Soldini (5-6 Stunden)
      4. Rifugio Elisabetta – Lac de Combal – Col Chéroui – Courmayeur (6-7 Stunden)
      5. Courmayeur/Entrèves – Mont de la Saxe-Col Sapin – Lavachey/Rifugio Elena (7-8 Stunden)
      6. Lavachey – Col du Grand Ferret – Ferret – La Fouly (6 Stunden)
      7. La Fouly – Issert – Campex – Val d’Arpette, Chalet Relais d’Arpette (4 Stunden)
      8. Val + Fenêtre d’Arpette-Pris du Bisse – Col de Balme (8-9 Stunden)
      9. Col de Balme – Col des Posettes – Tré-le-Champ – Refuge Lac Blanc (5 Stunden)
      10. Lac Blanc – Index – Planpraz – Le Brévent – Refuge Bellachat (5-6 Stunden)
      11. Bellachat – Merlet – Les Houches (2,5 Stunden)
  • Beste Jahreszeit: Anfang Juli bis Ende August, je nach Witterung bis Mitte September. Juni und September eignen sich ideal, um den Touristenmassen des Hochsommers aus dem Weg zu gehen. Davor und danach ist das Wetter auf 2500 Metern Höhe ziemlich unberechenbar.
  • Unterkünfte: Alle Unterkünfte entlang der Tour du Mont Blanc gibt es auf autourdumontblanc.com.
    Reservierung ist in den Hütten erforderlich. Zum Thema Zelten/Biwakieren die örtlichen Vorschriften beachten.
  • Möglichkeiten zur Auffüllung von Verpflegung:
    Frankreich: Chamonix, Les Houches, Les Contamines-Montjoie
    Italien: Courmayeur
    Schweiz: La Fouly, Campex Lax, Trient
  • Literatur: Montblanc-Rundweg Tour du Mont Blanc von Conrad Stein, Kompasskarte Mont Blanc, 1:50.000, IGN Edition Randonnées, Blatt „Pays du Mont Blanc“, 1:50.000
  • Ausrüstung: Packliste Hüttentour, bei Übernachtungen im Zelt Packliste Zelten
    Besonders wichtig: Regenbekleidung und gutes Schuhwerk

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