Ist die Skispur auch für Schneeschuhe geeignet? Brauchen tatsächlich nur Alpinisten LVS-Geräte? Können Schneeschuhgeher allesamt nicht Skifahren? Holger Stark nimmt mit einem Augenzwinkern fünf verbreitete Irrtümer über's Schneeschuhwandern unter die Lupe.

Zurecht erfreut sich das Schneeschuhgehen einer immer größeren Beliebtheit. Bis vor einiger Zeit noch als „therapeutisches Spazierengehen im Winter“ belächelt, hat die Zahl derer zugenommen, die anspruchsvolle Touren bishin zu hochalpinen Unternehmungen durchführen. Mit einem Augenzwinkern klären wir fünf häufige Irrtümer über’s Schneeschuhgehen auf, ohne jedoch den Ernst und die Sinnhaftigkeit dahinter zu bezweifeln.

1. „Tourengeher stehen extra früh auf, um für Schneeschuhgeher eine Spur zu legen“

Fasziniert sieht man im freien Gelände – wie an einer Perlenschnur aufgefädelt – Skitourengeher. Einer nach dem anderen strebt dem Gipfel entgegen. Wie groß ist die Versuchung, sich einzureihen und der Doppelspur nach oben zu folgen …

Sachlich betrachtet ist es für Skitourengeher tatsächlich ein Problem, wenn die Skispur durch Schneeschuhstapfen zerfurcht wird. | Foto: TSL/Marc Muller
Sachlich betrachtet ist es für Skitourengeher tatsächlich ein Problem, wenn die Skispur durch Schneeschuhstapfen zerfurcht wird. | Foto: TSL/Marc Muller

Besonders Schneeschuh-Anfänger sehen sich jedoch schnell mit belehrenden Worten oder gar handgreiflichen Skifahrern konfrontiert. Sachlich betrachtet ist es tatsächlich für Skitourengeher ein Problem, wenn die schön gezogene Skispur durch tiefe Schneeschuhstapfen zerstört wird. Während die Auflagefläche der befellten Ski rapide abnimmt und in gleichem Maße der Drang in die falsche Richtung, nämlich hangabwärts, immer größer wird, verschlechtert sich verständlicherweise die Laune des Skitourengehers.

  • Daher: Lassen wir dem Skitourengeher seinen Herdentrieb und suchen uns unseren eigenen Weg. Für Schneeschuhgeher gibt es doch nichts Schöneres, als eine neue Spur im tiefen Schnee zu legen und abseits des Trubels die Natur zu genießen.

2. „Notfallausrüstung ist nur was für Extreme und Alpinisten“

Mein Rucksack weist einen gewissen „Bodensatz“ auf. Damit bezeichne ich die Dinge, die immer im Rucksack bleiben. Handschuhe und Mütze, Sonnenbrille, Kompass und Stirnlampe, Notfallapotheke, Energieriegel und Biwaksack befinden sich dort. Alles, was einem in manchen Situationen das Leben etwas leichter machen kann. Im Winter werden die dünnen Handschuhe gegen dickere getauscht und die „großen Drei“ der Lawinensicherheit kommen dazu: Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS-Gerät), Lawinensonde und Lawinenschaufel. Es ist wichtig, immer alle drei Gerätschaften mitzuführen, denn nur so kann man im Notfall wirklich Hilfe leisten.

LVS-Gerät, Schaufel und Sonde gehöhren auch für alle Schneeschuhgeher für alle zur Standardausrüstung. | Foto: Holger Stark
LVS-Gerät, Schaufel und Sonde gehöhren auch für alle Schneeschuhgeher für alle zur Standardausrüstung. | Foto: Holger Stark

Wer jetzt sagt, dass das beim Schneeschuhwandern unnötig sei, da man sich ja meistens sowieso unterhalb der Baumgrenze aufhalte, dem sei versichert, dass jeden Winter zahlreiche Lawinen bis in den Bergwald niedergehen. Natürlich muss ich mich auch als Schneeschuhgeher genau mit der LVS-Ausrüstung beschäftigen und wissen, wie ich sie anwende. Sonst kann ich sie gleich zu Hause lassen.

  • Daher: Ein Lawinenkurs bietet auch für Schneeschuhgeher die optimale Möglichkeit, sich das Grundwissen über Lawinengefahren und die Rettung im Ernstfall anzueignen. Das ist gut investiertes Geld und bestens angelegte Zeit! Am besten man stellt sich zu Beginn jeder Saison die Frage, wie lange der letzte Erste-Hilfe-Kurs zurückliegt…

3. „Sind Schneeschuhe einmal angezogen, zieht man sie nicht mehr aus“

Wer es sich an einem sonnigen Wintertag unterhalb eines felsigen Gipfels gemütlich macht, bekommt sicherlich die Gelegenheit, hin und wieder ein mehr oder weniger graziles Schneeschuhbalett mitzuerleben. Während die Skitourengeher die Ski im sogenannten Skidepot zurücklassen und dem Gipfel nur in Skischuhen zustreben, scheinen viele Schneeschuhgeher mit ihren übergroßen Entenfüßen fest verwachsen zu sein.

So beobachtet man dann den ein oder anderen verzweifelten Versuch, auf dem schmalen Gipfelgrat einen Fuß vor den anderen zu setzen und sich dabei nicht selbst auf die Schneeschuhe zu treten. Was witzig aussieht, kann jedoch schnell gefährlich werden – denn man gefährdet dabei nicht nur sich, sondern auch andere.

  • Daher:  Es ist keine Schande, wenn man an kniffligen Stellen die Schneeschuhe auszieht. Das kann am beschriebenen Gipfelgrat ebenso sein wie an vereisten Stellen oder einem Steilhang, auf dem es mit Schneeschuhen kein Vorwärtskommen gibt.

4. „Die Spur des Vorgängers ist lawinensicher“

Trifft man irgendwo auf eine Spur, der man folgen kann, kommt es leider schnell vor, dass sich das kritische Denken entspannt zurücklehnt. „Wenn da schon einer vor mir gegangen ist, kann ja nichts passieren. Der wusste bestimmt, was er tat …“

Lawinenkurse und Lawinenentscheidungstrainings sind für alle sinnvoll, die sich im Winter ins freie Gelände begeben. | Foto: Ortovox
Lawinenkurse und Lawinenentscheidungstrainings sind für alle sinnvoll, die sich im Winter ins freie Gelände begeben. | Foto: Ortovox

Leider sieht man immer wieder, dass sich Lawinenunfälle genau dort ereignen, wo bereits eine Spur hinführt. Manchmal ist sogar die Belastung des Vorgängers der Auslöser der Lawine. In den Bergen sollte jeder in der Lage sein, seine eigene Entscheidung zu treffen und diese immer wieder zu überdenken und zu prüfen. Stimmt der Abstand zum Vorgänger bei der Hangneigung? Quere ich tief oder lieber etwas höher? Gibt es bereits Risse in der Schneedecke oder gar kleinere Schneerutscher? Das sind nur einige Fragen, die man sich stets aufs Neue selbst beantworten sollte.

  • Daher: Vor jeder Schneeschuhtour sind der Lawinenlagebericht, das Wetter und die Schneesituation zu überprüfen. Während der Tour sollte man sich ständig vergewissern, ob sich einzelne Faktoren (Wind, Sonneneinstrahlung, Schneefall) negativ auf die Verhältnisse auswirken. Egal wie – jeder trägt die Verantwortung für seine eigenen Entscheidungen. Es gibt übrigens Lawinenentscheidungstrainings extra für Schneeschuhgeher. Eine solche Teilnahme ist dringend angeraten – gerade bei Anfängern!

5. „Schneeschuhgehen ist nur für Nichtskifahrer geeignet“

Bestimmt ist es so, dass viele Schneeschuhgeher nicht Skifahren können. Allerdings gibt es auch für Skifahrer einige Gründe, sich mal am Schneeschuhgehen zu versuchen. Für mich ist Schneeschuhgehen Freiheit und Abenteuer!

Auf in den Sonnenuntergang! Eine Winterwanderung auf Schneeschuhen kann auch ohne rasante Abfahrt ein Genuss sein. | Foto: Holger Stark
Auf in den Sonnenuntergang! Eine Winterwanderung auf Schneeschuhen kann auch ohne rasante Abfahrt ein Genuss sein. | Foto: Holger Stark

Eine einsame Spur durch eine weiße Winterlandschaft zu ziehen, dabei der Natur nahe zu sein und die Elemente mit jeder Faser zu spüren – das hat seinen ganz besonderen Reiz. Als Schneeschuhwanderer erlebt man eine äußere und innere Ruhe, die nicht durch rasante Abfahrten „gestört“ wird.

Im Gegenteil: Sie führt durch die Gleichmäßigkeit des Schreitens zu tiefer Ausgeglichenheit! Besonders reizvoll ist es, zu den Tagesrandzeiten unterwegs zu sein. Wer einmal mit den Schneeschuhen in den Sonnenuntergang gewandert ist weiß, wovon ich rede.

  • Daher: Einfach mal ausprobieren – und die Basics nicht vergessen!

Fazit: Alles nicht so schlimm!

Wer mit Schneeschuhen ins Gelände geht, sollte sich vorab über die Basics informieren! Wichtig dabei ist vor allem die grundsätzliche Auseinandersetzung mit alpinen Gefahren. Die Lawinen-Standardausrüstung LVS-Gerät, Schaufel und Sonde darf auch bei einer Schneeschuhtour keinesfalls fehlen, zudem sollte der Umgang damit in einschlägigen Lawinenkursen geübt und regelmäßig wiederholt werden. Auch Lawinenentscheidungstrainings bzw. eine umfassende Auseinandersetzung mit Lawinenlagebericht, Wetter und Schneesituation ist nötig, um Touren zu planen und möglichst sicher im freien Gelände unterwegs zu sein.

Darüberhinaus ist es keine Schande, die Schneeschuhe für knifflige Passagen auch mal abzunehmen, um den Gipfelgrat zu meistern. Mit Blick auf den Frieden am Berg gilt: „Schneeschuhgeher, leg Deine eigene Spur“, denn Skitourengeher ärgern sich nicht zu Unrecht oft sehr deutlich über zerstörte Aufstiegsspuren. Und zu guter Letzt sollte Schneeschuhwandern nicht vorschnell abgetan werden. Wer es nicht selbst einmal ausprobiert hat, ist keines Urteils würdig!

 

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