Wer sich unter freiem Himmel im Gelände orientieren will, findet im Internet unzählige mehr oder weniger zielführende Anleitungen. Wildnis-Experte Tobias Krüger klärt unterhaltsam auf, was an fünf landläufig bekannten Tipps dran ist!

Wer im Gelände, im Wald und in der Wildnis unterwegs ist, muss sich früher oder später mit dem Thema Orientierung beschäftigen. Denn selbst in relativ kleinen Wäldern wie wir sie in Deutschland oder Österreich finden, kann es leicht passieren, dass man sich verläuft und irgendwann nicht mehr weiß, wie man den Weg zurück nach Hause findet. Noch wichtiger wird es natürlich, wenn man in Ländern unterwegs ist, in denen es noch richtige Urwaldflächen gibt. Gegenden also, die noch nicht vom Menschen zerstört und/oder kultiviert wurden und ihren ursprünglichen, wilden Charakter behalten haben. In Kanada gibt es beispielsweise Gebiete, die drei- bis viermal so groß wie Deutschland sind – und in denen kein einziger Mensch lebt. Wer in diesem Gelände die Orientierung verliert und nicht weiß, wie er sich in der Wildnis zurechtfindet, hat kaum eine Überlebenschance!

Gefährliches Halbwissen bei der Orientierung

Die zentrale Gefahr besteht jedoch darin, dass die meisten von uns kaum etwas von Orientierung verstehen – sich aber auf eine Menge gefährliches Halbwissen verlassen. Es gibt eine Reihe von Legenden, Irrtümern und Falschannahmen, die sich seit langer Zeit in unseren Köpfen halten und an die wir uns in einer Notsituation gerne erinnern, weil wir sie irgendwo aufgeschnappt haben. Wenn wir ihnen dann glauben und uns auf sie verlassen, kann dies dazu führen, dass wir uns im Gelände so sehr verlaufen, dass wir am Ende nicht einmal mehr wissen, wo Süden und Norden ist. Darum wollen wir hier mit den populärsten und häufigsten Irrtümern über Orientierung ein für alle Mal aufräumen!

Fünf Irrtümer bei der Orientierung im Gelände

1. Die moosbewachsene Seite der Bäume zeigt immer nach Norden!

Moos am Stamm im Norden? Diese Regel zur Orientierung im Gelände stellt sich bei genauerer Betrachtung als Irrtum heraus. | Foto: Tobias Krüger
Moos am Stamm im Norden? Diese Regel zur Orientierung im Gelände stellt sich bei genauerer Betrachtung als Irrtum heraus. | Foto: Tobias Krüger

Dies ist wahrscheinlich der „beliebteste“ Irrglaube zum Thema Orientierung. Wenn man sich im Wald verlaufen hat, ist es zunächst einmal besonders wichtig, über die Himmelsrichtungen Bescheid zu wissen. Denn wenn man sich darüber im Klaren ist, kann man sich zumindest schon einmal einen groben Überblick verschaffen, in welche Richtung man gehen muss und in welche nicht. Doch wie erfährt man im Gelände, wo welche Himmelsrichtung liegt, wenn man keinen Kompass hat?

Den meisten Menschen kommt als einer der ersten Gedanken der Moosbewuchs an Baumstämmen in den Sinn. Die dazugehörige Theorie klingt zunächst einleuchtend: Die Sonne wandert von Osten nach Westen und steht auf der Nordhalbkugel niemals im Norden. Die Nordseite der Bäume ist also immer im Schatten und bietet damit die idealen Bedingungen für einen Moosbewuchs. Denn Moos liebt es ja bekanntlich kühl und feucht. Soweit die Theorie. Die hat jedoch einen entscheidenden Haken: Das Wachstum von Moos auf einem Baumstamm hängt von zahlreichen Faktoren ab – nicht nur dem Sonnenstand. Es gibt schattige, feuchte Täler, in denen die Bäume auf allen Seiten von oben bis unten komplett bemoost sind. An anderen Stellen kommt Moos auf den Bäumen überhaupt nicht vor. Die Feuchtigkeit, die das Moos zum Wachsen braucht, hängt zudem nicht nur von der Abwesenheit von Sonne ab, sondern viel mehr von der Hauptwindrichtung und der Luftfeuchtigkeit. Wenn in einer Region fast immer ein starker Westwind weht, der viel Feuchtigkeit mit sich bringt, dann wird sich das Moos vor allem an der Westseite der Bäume bilden. Vorausgesetzt natürlich, der Wind kann immer frei von Westen her wehen. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Du Dich auf einer offenen Freifläche befindest. Im Inneren eines Waldes wird der Wind jedoch von den Bäumen und dem Unterholz umgeleitet und kommt teilweise von ganz anderen Seiten als erwartet. Wenn nun auch noch ein Bachlauf oder ein See in der Nähe ist, der Feuchtigkeit abgibt, dann hast Du so viele „Störfaktoren“ beieinander, dass man keine verlässliche Orientierungsgrundlage mehr hat. Die Theorie von der Orientierung anhand bemooster Baumstämme klingt also verlockend und logisch, wird aber bei genauerem Hinsehen schnell ad absurdum geführt.

2. Ameisen bauen ihre Hügel immer südlich der Bäume!

Hier gilt ein ähnlicher Fall wie bei den moosbewachsenen Baumstämmen – nur das diese Theorie nicht ganz so viel Bekanntheit erlangt hat. Wahrscheinlich deswegen, weil Ameisenhügel weit seltener vorkommen als moosbewachsene Baumstämme. Tatsächlich hat diese Theorie jedoch einen wahren Kern. Ameisen mögen als Baugrund für ihre Hügel einen warmen und sonnigen, aber dennoch geschützten Platz. Wenn sie also die Gelegenheit haben, bauen sie ihren Hügel an die Südseite eines Baumes. Sie haben aber auch einen Magnetsinn – ganz ähnlich wie Küken, Tauben und verschiedene Säugetiere. Die magnetische Kraft unseres Planeten ist nicht überall gleich, sondern verläuft in bestimmten Bahnen, ähnlich wie in einem Gitternetz.

Bei der Wahl des Bauplatzes berücksichtigen Ameisen vielerlei Faktoren. Daher sind Ameisenhaufen zur Orientierung und Bestimmung der Himmelsrichtung nicht geeignet. | Foto: pixabay
Bei der Wahl des Bauplatzes berücksichtigen Ameisen vielerlei Faktoren. Daher sind Ameisenhaufen zur Orientierung und Bestimmung der Himmelsrichtung nicht geeignet. | Foto: pixabay

Wenn man also einen Ameisenhaufen im Wald sieht, dann kann es zwar durchaus sein, dass die kleinen Baumeister diesen Platz wegen der Sonne ausgewählt haben. Genauso gut kann aber auch die magnetische Beschaffenheit des Ortes der Grund für ihre Bauaktivitäten gewesen sein. Das bedeutet, dass man sich nicht zu hundert Prozent auf diese Theorie der Orientierung verlassen kann. Außerdem gibt es das Problem, dass es in einem Wald naturgemäß viele Schattenspender gibt. Die Südseite eines Baumstamms muss also nicht zwangsläufig auch die „sonnigste“ sein. Ameisen weichen zudem auch mal nach links oder rechts aus, um den optimalen Bauplatz zu finden.

In einem dichten Wald kommt ein weiterer Faktor hinzu, der die Orientierung anhand von Ameisenhaufen vollkommen unmöglich macht. Die Bäume stehen teilweise so dicht beieinander, dass die Ameisenhügel den kompletten Platz zwischen ihnen ausfüllen. Wie soll man also feststellen, welchen Baum die Insekten meinten, als sie sich für den südlichen Standort für ihren Bau entschieden haben?! Wenn sie sich denn überhaupt für den südlichen entschieden haben…siehe oben!

3. Die Sonne geht im Osten auf und im Westen unter!

Jedes Kind weiß, dass die Sonne im Osten auf- und im Westen untergeht! Oder etwa nicht!? Wie kommen wir sonst darauf, dass dies ein Irrtum sein sollte? Ganz einfach, der Fehler liegt hier im Detail. Die Sonne geht natürlich wirklich ungefähr im Osten auf und ungefähr im Westen unter. Doch eben nur ungefähr und zudem noch abhängig davon, wann und wo man sich gerade aufhält.

Als wir Menschen unsere Tage einst in 24 Stunden aufgeteilt haben, wurde das nicht einfach so aus dem Blauen heraus gemacht. Wir hatten ein Konzept dahinter. Dieses Konzept orientiert sich an der Sonne. Um 12 Uhr mittags befindet sich die Sonne auf der Nordhalbkugel an ihrem südlichsten Punkt – also genau an der Stelle über dem Äquator, an dem auch wir uns befinden. Um Mitternacht befindet sie sich hingegen genau auf der gegenüberliegenden Seite unserer Erde. Dazwischen – also um 6 Uhr morgens und um 18 Uhr am Abend – steht sie exakt im Osten respektive exakt im Westen. Im Sommer geht die Sonne jedoch deutlich vor 6 Uhr auf und deutlich später unter. Im Winter hingegen erscheint sie später am Himmel und verschwindet früher.

Sonnenaufgang immer exakt im Osten? Kommt drauf an... | Foto: pixabay
Sonnenaufgang immer exakt im Osten? Kommt drauf an… | Foto: pixabay

Für die Orientierung bedeutet das letztendlich, dass die Sonne im Sommer im Nordosten auf- und im Nordwesten untergeht, während sie im Winter im Südosten über den Horizont tritt und im Südwesten wieder verschwindet. Lediglich im Herbst und im Frühling hält sie sich weitgehend genau an die „Vorgaben“ mit Osten und Westen. Zu allen anderen Zeiten ist ein Blick auf die Uhr nötig, um zu erkennen, wo sie sich gerade befindet. Wichtig dabei ist jedoch, dass sich nur die Winterzeit an der Sonne orientiert. Zur Sommerzeit muss man die künstlich hinzugefügte Stunde natürlich wieder abziehen!

4. Man muss einfach nur immer geradeaus gehen, dann kommt früher oder später eine Straße!

Wenn man sich in einem relativ kleinen Waldgebiet befindet, mag diese Idee nicht allzu schlecht erscheinen. In unseren Wäldern gibt es immer wieder Straßen und Forstwege. Wenn wir also im Gelände lange genug geradeaus laufen, dann müssten wir früher oder später auf einen Weg stoßen, der uns wieder aus dem Wald ins Freie führt?!

Doch auch hierbei gibt es einen entscheidenden Haken – denn jeder Mensch hat ein dominantes Bein. Das bedeutet, dass wir mit unseren Beinen nicht gleich stark auftreten. Ein Bein ist unser Antriebsbein, mit dem wir die meiste Kraft übertragen. Das andere ist dementsprechend schwächer. Wenn wir also eine Straße entlanglaufen und uns mit Hilfe der Augen permanent anhand von Leitlinien orientieren, dann fällt uns dies nicht weiter auf. Laufen wir jedoch durch ein Gelände, in dem uns diese Leitlinien fehlen, dann beschreiten wir aufgrund der Ungleichheit unserer Schritte völlig unbemerkt einen Kreis.

Wer hofft, bei längerem Geradeausgehen auf eine Straße zu treffen, ist meist auf dem Holzweg. | Foto: pixabay
Wer hofft, bei längerem Geradeausgehen auf eine Straße zu treffen, ist meist auf dem Holzweg. | Foto: pixabay

Man kann das leicht einmal austesten, indem man sich die Augen verbindet und versucht, möglichst gerade über eine Wiese zu laufen. Schon nach wenigen Metern stellt man fest – was sich gerade anfühlt, gerät zu einer Kurve. Das gleiche passiert, wenn wir durch einen Wald laufen. Wir glauben, dass wir einer geraden Linie folgen, gehen jedoch in Wirklichkeit im Kreis. Dadurch kann bereits ein Waldgebiet von fünf Quadratkilometern ausreichen, um nie wieder nach draußen zu finden, weil wir permanent im Kreis laufen.

Um das zu verhindern, braucht man eine Leitlinie, die ähnlich funktioniert wie die Bordsteinkante oder die Straßenmarkierung, die uns in der Stadt hilft, weiter auf einer geraden Linie zu bleiben. Da Wälder für gewöhnlich keine solchen Linien haben, muss man sich in Gedanken eine erzeugen. Dazu peilt man am besten drei Bäume an, die in einer Linie hintereinander stehen. Wenn man den ersten von ihnen erreicht, nutzt man die anderen beiden um sich einen neuen, dritten Baum zu suchen. Auf diese Weise gelingt es, wirklich geradeaus zu laufen, ohne sich selbst an der Nase herumzuführen!

5. Wenn ich ein GPS-Gerät dabei habe, kann ich mich nicht verlaufen!

Der vielleicht größte Irrglaube zum Thema Orientierung ist jedoch die Annahme, dass wir sie eigentlich überhaupt nicht mehr brauchen, weil es ja inzwischen lauter technische Hilfsmittel gibt, die uns die Arbeit abnehmen. Navigations- und GPS-Geräte sind ohne jeden Zweifel nützliche und hilfreiche Erfindungen, doch sie können uns im Ernstfall auch leicht den Kopf kosten, wenn wir uns ausschließlich auf sie verlassen.

Denn damit sie zuverlässig funktionieren, benötigen die Geräte zwei Dinge: Strom – und ein Satellitensignal. Beides ist jedoch nicht zuverlässig und vor allem nicht dauerhaft vorhanden. Die Akkulaufzeiten sind verhältnismäßig kurz. Strom ist auf Mehrtagestouren nur an bestimmten Orten und oft auch gar nicht vorhanden. Wenn man nicht aufpasst, dann reicht eine kleine Unvorhergesehenheit, die dazu führt, dass sich der Zeitplan verlängert  – und schon steht man mitten im Nirgendwo ohne eine Idee, wo man ist, wo man hin will oder wie man sich ohne technische Hilfe orientiert…

Auch moderne GPS-Geräte finden nicht immer einen Satelliten. | Foto: Garmin
Auch moderne GPS-Geräte finden nicht immer einen Satelliten. | Foto: Garmin

Noch unberechenbarer ist jedoch der Empfang des GPS-Signals. Häufig reichen bereits halbwegs dichte Baumkronen aus, um die Verbindung mit den Satelliten zu schwächen oder vollkommen abzuschirmen, so dass auch das Gerät selbst die Orientierung verliert. So kann es vorkommen, dass man auch in infrastrukturell gut erschlossenen Gegenden in Mitteleuropa plötzlich ohne Signal dasteht, obwohl man zu Beginn der Tour guten Empfang hatte. GPS-Geräte bekommen oft gerade dann die größten Schwierigkeiten mit ihrer Zuverlässigkeit, wenn man sie am meisten benötigt – in dichten, undurchdringlichen Wäldern oder in tief eingeschnittenen Tälern und Canyons. Hinzu kommt, dass sie wie alle anderen technischen Geräte niemals komplett frei von Störungen und Ausfällen sind.

Vor allem bei längeren Expeditionen kann es passieren, dass ein einwandfrei funktionierendes Gerät plötzlich nicht mehr funktioniert. Oft wird suggeriert, dass man mit dem Erwerb einer teuren GPS-Uhr oder eines hochkomplizierten GPS-Geräts eine Art unfehlbare Outdoor-Lebensversicherung erwirbt, in der Realität sollte man aber bei den Standards der Orientierung mit Karte und Kompass absolut sattelfest sein. Wenn man sich bei der Orientierung im Freien ausschließlich auf technische Geräte verlässt, kann dies im schlimmsten Fall tödlich enden. Hilfsmittel wie GPS-Geräte können also stets nur ein Zusatz sein, niemals aber die einzigen Orientierungshelfer!

Und so geht’s richtig!

Welchen vermeindlichen Tipps zur Orientierung bist Du schon mal auf den Leim gegangen? Oder hast Du wertvolle Hinweise, wie man es richtig machen kann? Lass es uns in den Kommentaren wissen!

Mehr Tipps zum Thema Wildnis, Zelten und Abenteuer:

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
wpDiscuz